Beiträge von Piraten-Mond
Quelle: http://piraten-mond.de/moons/Alle/?type=rss10
Musikpirat - Klarmachen zum Ändern! : Spenden für den Free! Music! Contest 2010
Geld, Geld, Geld. Wir brauchen Geld. Es ist nicht viel, aber irgendwie will es uns keiner geben. :) Statt also weiter auf den großen Sponsor zu hoffen, versuchen wir mal unser Glück in der Crowd. Möge diese uns funden.
Landesverband Berlin : Pressemitteilung: Polizeipräsident versus Grundgesetz
die ennomane - Enno Park : Wie wir die Kontrolle über den Kontrollverlust verlieren
Es ist schon interessant, dass die Debatte um Privatheit, Kontrollverlust und Datenschutz ausgerechnet wegen der Wikileaks-Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente eine neue Wendung nimmt – sind das doch keine privaten Dokumente sondern welche von höchst öffentlichem Interesse.
Der Gedanke des Kontrollverlusts besagt, dass Datenschutz ein reines Rückzugsgefecht sei. Selbst wenn wir nicht unseren Seelenmüll auf Facebook und Twitter abkippen, hinterlassen wir im Netz durch ganz alltägliche Tätigkeiten eine breite Datenspur, die viel über uns aussagt. Das lässt sich nicht mehr zurückdrehen: Wir haben die Kontrolle über unsere Daten oder das, was die Welt über uns weiß, verloren. Michael Seemann et al. nehmen die progressive Haltung ein und sehen die mannigfaltigen Vorteile, die uns das verschafft. Sie wollen aus der Not eine Tugend machen und sagen, die Antwort auf den Kontrollverlust eine Kultur des Filterns und Nichtbeurteilens, die es uns erlaubt, darüber hinweg zu sehen, dass ein Mitmensch eine politische Meinung vertritt, die wir unmöglich finden, eine sexuelle Orientierung hat, die wir pervers finden, oder auch einfach nur ein Alkoholproblem.
Im Grunde läuft es auf das Konzept des Outings hinaus: Erst der Gang an die Öffentlichkeit bis hin zum Stolz, die Gay Pride und dem Christopher Street Day konnten zum Beispiel die Homosexualität aus dem Schattenreich in die Normalität führen. Damit ist im Grunde der Beweis erbracht, dass ein solcher kultureller Wandel machbar ist, wenn das ihm zu Grunde liegende gesellschaftlich verpönte Verhalten nur häufig genug sichtbar wird.
Aber es gibt auch die andere Seite, zum Beispiel die ökonomischen Interessen unserer Arbeitgeber, die uns gerne einen lieben Menschen sein lassen, so lange wir nicht irgendwas treiben, was vielleicht dem Image der Firma schaden könnte. Ich habe kürzlich erst einen Mikrokontrollverlust erlebt, als ich über den “Auschwitz-Tanz” schrieb und wie geschmacklos ich ihn finde, wofür ich dann selbst in die braune Ecke gestellt wurde, weil ich angeblich Auschwitz mit einem Verkehrsunfall verglichen hätte – dabei ging es mir nur um den Umgang mit Trauer und Toten.
Meine (konservative) Befürchtung: Es wird immer Ansichten und Verhaltensweisen geben, die wir besser für uns behalten oder nur im kleinen Kreis offenbaren, weil es immer kleine oder große Gruppen in der Gesellschaft geben wird, die uns für etwas ablehnen werden, vollkommen egal, ob legitim oder oder nicht. Der Kontrollverlust betrifft nämlich nicht einfach nur unsere Daten, sondern die Art, wie die Welt mit uns umgeht. Beispiele für Schubladen-Denken (etwas, das wir ebenfalls schon aus psychologischen Gründen nie bleiben lassen können) und Sündenbockmentalität gibt es ohne Ende. Und die Schicht der Aufgeklärtheit ist sehr sehr dünn, wenn neubürgerliche Eltern tunlichst dafür sorgen, dass ihre Kinder in Schulklassen mit niedrigem Ausländer-Anteil landen.
Wer also der Ansicht ist, dass wir das Geheimnis brauchen, wurde in der Kontrollverlustdebatte als Gestriger hingestellt, der nicht den Verlust des Geheimnisses beklagen sondern offensiv für sich und sein Sein einstehen soll. Nur wenige Menschen sind jedoch so stark, unabhängig und frei von Bindungen, dass sie es sich erlauben können, mit Kampf oder einer Egal-Haltung auf Ablehnung zu reagieren. Statt einer Kontrolle über das Bild, das man vermitteln möchte, propagiert zum Beispiel Michael Seemann die Plattformneutralität - alles wird transportiert und wir filtern weg, was wir nicht sehen wollen. Das ist im Grunde genommen eine Kultur des Wegsehens und birgt den nächsten Konflikt in sich: Wenn wir etwas sehen und es uns nicht gefällt – können wir dann immer darüber hinweg sehen? Welche Instanz will beurteilen, ob es sich bei dem, was wir wegfiltern, um eine berechtigte Eigenheit des Mitmenschen handelt, die uns nichts angeht, oder aber um einen Missstand, welcher möglichst öffentlich anzuprangern ist? Ich prophezeie endlose Streitigkeiten darüber. Nicht immer ist die Lage schon so einfach und klar entschieden wie vielleicht beim Thema Homosexualität.
Interessant ist, dass der Kontrollverlust jetzt Muffensausen auf anderer Ebene bekommt. Da wäre einmal Wikileaks, worüber geheime Dokumente über den Afghanistan-Krieg veröffentlicht wurden – einige aber auch erstmal unterdrückt, um die Whistleblower zu schützen. Das ist ein staatlicher Kontrollverlust, und plötzlich ist die Angst da: Welche schädlichen Auswirkungen kann ein schonungsloses “wir veröffentlichen einfach alles” haben? Wie lange werden sich so mächtige Institutionen wie CIA oder Pentagon es sich gefallen lassen, dass ihnen das Volk im Internet auf der Nase herumtanzt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass gerade jetzt schon irgendwo ein Gremium tagt und sich Gedanken macht, wie man diese Freiheit im Internet wieder unter Kontrolle bringen kann. Und ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo der erste Netzaktivist von einem Geheimdienst liquidiert wird. Sowas passiert, man denke nur an die Caesarea des Mossad. Gleichzeitig entzündete sich die Frage anhand der Bilder, die kürzlich von der Duisburger Loveparade aufgetaucht sind. Sie sind so intensiv und furchtbar, dass man sich fragen musste, ob man sie überhaupt weiterverbreiten solle.
Ich stimme hier mit Huck Haas überein: Die Öffentlichkeit hat jenseits jeder Katastrophengaffermentalität ein Recht auf die Bilder. Genauso wie die Öffentlichkeit ein Recht auf die wahren Umstände des Afghanistan-Krieges hat. Jedenfalls sollte es in einer Demokratie so sein. Trotzdem ist die Diskussion darüber mehr als legitim – man denke nur an die öffentliche Vorverurteilung in den Fällen Kachelmann oder Tauss. Ab wann beginnt Information schädlich zu sein? Wenn aber die Frage nach dem Geheimnis und seinem Schutz nun plötzlich bei öffentlichen Angelegenheiten eine so große Rolle spielt, kann man die gleiche Frage auf der kleinen, unbedeutenden, privaten Ebene nicht einfach so abtun und auf die eher vage Hoffnung auf kulturelle Anpassung verweisen. Wir ahnen jedenfalls bereits, dass wir über den Kontrollverlust die Kontrolle verlieren.
Feel free to Flattr this post at flattr.com, if you like it.
Links, Links, Links - Jan Schejbal : Und warum intelligente Stromzähler für d…
Und warum intelligente Stromzähler für die Stromanbieter so interessant sind, erklärt Bruce Schneier. Zumindest mit denen in Großbritannien können die Stromanbieter säumigen Zahlern viel bequemer den Saft abdrehen. Wenn das bei uns auch gemacht wird, werden sie es dann wohl als kundenfreundlich verkaufen, schließlich wird der Hartz-4-Empfänger so vor weiteren Schulden geschützt…
So richtig interessant wird es natürlich erst, wenn jemand das Netz des Stromanbieters hackt und mal ein wenig Blinkenlights in Groß veranstaltet.
Links, Links, Links - Jan Schejbal : Warum die IBAN wirklich nach Wünschen de…
Warum die IBAN wirklich nach Wünschen der EU-Kommision für den inländischen Zahlungsverkehr verpflichtend werden soll, dafür hat Fefe eine Theorie: Damit könnten eventuell auch die Inlandsüberweisungen über SWIFT laufen, wo sie dann schön ausgeschnüffelt und an die Amerikaner weitergereicht werden können. Auch „Ich-hab-ja-nix-zu-verbergen“-Kunden droht damit übrigens die Verwendung 22-stelliger Kontonummern – was völlig sinnfrei ist, denn Kontonummer + BLZ lassen sich automatisch in IBAN + BIC umwandeln.
Blog der Duisburger Piraten : Sorgt für Neuwahlen in Duisburg!
Eigentlich hatte ich gehofft die Stadtoberen hätten heute die Konsequenzen gezogen aber noch immer Klammern diese sich an ihre Pöstchen. Keiner scheint die Eier in der Hose zu haben um zu sagen es ist Zeit für einen Neuanfang. Die Ausdrucksweise muss einfach sein. Jetzt kommt auch noch die Politikprominenz und zu der Gedenkveranstaltung sollen noch nicht mal die Angehörigen eingeladen sein.
ZEit etwas zu unternehmen und das kann jeder. Wer bei der Demonstration nicht dabei sein konnte kann immer noch Online aktiv werden.
Unter http://www.duisburg.de/index.php im oberen Bereich gibt es das Feld Kontakt. Da müssen zwar ein paar persönliche Daten eingegeben werden aber das sollte es Wert sein damit die Nachricht ernst genommen wird.
Dorthin sollte folgender Text geschickt werden.
Für Einwohner von Duisburg:
Ich [eigenen Namen einsetzen] als Einwohner von Duisburg fordere die Stadt Duisburg auf unverzüglich Neuwahlen anzusetzen. Nach den Ereignissen vom Samstag den 24.07.2010 braucht Duisburg ein neues Gesicht.
Mit freundlichen Grüßen
[eigenen Namen einsetzen]
Für Auswärtige:
Ich [eigenen Namen einsetzen] als besorgter Bürger fordere die Stadt Duisburg auf unverzüglich Neuwahlen anzusetzen. Nach den Ereignissen vom Samstag den 24.07.2010 braucht Duisburg ein neues Gesicht.
Mit freundlichen Grüßen
[eigenen Namen einsetzen]
(Alternativ: info@stadt-duisburg.de allerdings ohne Gewähr)
Landesverband Bremen - Blog : Happy SysAdminDay
Am jedem letzten Freitag im Juli ist der System Administrator Appreciation Day . An diesem Tag sollen alle Computerbenutzer einmal kurz innehalten und über das unermüdliche Treiben ihres Admins nachdenken. Diesen meist stillen Held des Alltags, der im Hintergrund dafür sorgt, dass alles rund läuft, darf man an diesem Tag gerne mit einem Stück Kuchen überraschen. Der Landesverband Bremen will daher die Gelegenheit nutzen, sich bei ihrem Admin, Sven Schomacker zu bedanken. Sven ist für diesen Webauftritt verantwortlich und ein aktiver Entwickler des hier verwendeten Content Managment Systems Zikula. Happy SysAdminDay lieber Sven! Danke für die tolle Arbeit. Und hier kommt sogar noch ein Ständchen von Wes Video: Sysadmin Song
Pirate Gaming - set sail for gaming! : In Gedenken an Antonio
Ein schwarzer Tag für den eSport! Am gestrigen Abend verstarb der 20 jährige Counter-Strike Spieler Antonio "cyx" Daniloski bei einem Autounfall.
Heute sollte er eigentlich mit seinem Team mousesports in Shanghai auf der Global Challenge spielen. Da er den Hinflug verpasste fuhr er wieder nach Hause und sollte einen Ausweichflug bekommen. Doch auf dem Weg ereignete sich ein Folgenschwerer Unfall. Antonio erlag seinen Verletzungen nur kurze Zeit später.
Mit seinem Team gewann er fünf Jahre in Folge die ESL Pro Series. Mit zahlreichen Einsätzen für das deutsche Team sicherte er sich auch international Anerkennung.
Pirate Gaming e.V. spricht sein tiefes Mitgefühl aus! In dieser schweren Stunde gilt unser Beileid allen Angehörigen!
Under skull and bones - Benjamin Stöcker : Kurz notiert - Werbematerial für #108e ist auf dem Weg
Wie vielleicht schon einige wissen hat der Bundesvorstand in seiner letzten Sitzung beschlossen für bis zu 1000€ Werbematerialien bezüglich 108e zu besorgen.
Leider hat das organisieren der Aktion länger gedauert als von mir gewünscht, aber es geht voran! Bedanken möchte ich mich vor allem bei den fleißigen Piraten aus Unterfranken, die mit Tatkraft voranschreiten. Voraussichtlich ab Montag oder Dienstag werden die Pakete mit dem Material von Würzburg aus versendet werden können. Bestellt wurden 50 000 Flyer und 500 A1 Plakate.
Noch ist Material übrig, die Ergebnisse der ersten Bedarfsanalyse habe ich im Wiki festgehalten.
Teilweise fehlen mir allerdings noch die Adressen, an die das Material geschickt werden soll. Eure Adressen, Fragen und Anregungen könnt ihr mir an die E-Mail 108e@benjamin-stoecker.de schicken.
Aggregat7 - Pavel : Fragen zu "Liquid Democracy" in der Piratenpartei
Die folgenden elf (fett gedruckten) Fragen wurden mir schriftlich von einer einer Studentin gestellt. Da meine Anworten vielleicht von allgemeinem Interesse sind, möchte ich sie hier veröffentlichen:
Fragebogen für die Berliner Piratenpartei
1) Innerhalb politischer Parteien wird zunehmend ein Verlust an Basisdemokratie beklagt. Worin sehen Sie die Hauptursachen für diese Entwicklung?
Basisdemokratie in dem Sinne, dass jeder direkt mit seiner Stimme bei allen politischen Entscheidungen mitbestimmt, hat in der Praxis bisher viele kaum überwindliche Schwächen:
- Skalierungsprobleme: Die Zahl der Entscheidungen ist einfach zu groß, als dass sich jeder an jeder Entscheidung beteiligen kann; allein in der Piratenpartei Berlin wurden in den ersten drei Monaten rund 200 Anträge behandelt; hochgerechnet auf alle Parteien käme man auf viele zehntausend Anträge pro Monat. So etwas läßt sich nur arbeitsteilig erledigen. Es können nicht alle über jeden Antrag entscheiden.
- Kompetenzprobleme: Eine gute Entscheidung erfordert ein Mindestmaß an Fachkenntnissen und/oder eine intensive Beschäftigung mit der Materie. Stimmen überwiegend Laien ab, die sich mit der Materie nur oberflächlich beschäftigt haben, ergeben sich viele schlechte Entscheidungen.
- Verfahrensprobleme: Wichtiger als die am Ende stehende Mehrheitsentscheidung ist eine breite Beteiligung beim Ausarbeiten und Formulieren der Entscheidungsalternativen. Diese breite Beteiligung an der Ausarbeitung ist verfahrensbedingt in der klassischen Politik bisher weitgehend begrenzt. Des weiteren ist bei Vorliegen von Alternativen das Wahlverfahren von entscheidender Bedeutung. Mit einem klassischen Entweder/Oder Abstimmungsverfahren lässt sich über eine größere Zahl von Alternativen nicht sinnvoll abstimmen.
2) Welche Rolle spielen die Medien bei dieser Entwicklung?
Die Medien, insbesondere die privaten Medien, haben das primäre Interesse, mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen, um ihre Auflage bzw. Zuschaueranteil zu steigern und sich wirtschaftlich zu behaupten. Des weiteren propagieren Medien die Werte, Normen und Ziele der sie kontrollierenden Organisationen, die oft von Partikularinteressen geprägt sind.
Ein weiteres Problem ist insbesondere die beim Fernsehen notwendige extreme Vereinfachung, aber auch im Printbereich wird in der Regel nur eine stark verzerrte Aussenansicht verbreitet, die meist eine nur geringe Übereinstimmung mit der Wahrnehmung der Personen aufweist, die direkt in eine Angelegenheit involviert sind.
Die klassischen Medien verstärken aus diesen Gründen den gesellschaftlichen Trend, die Politik zu marginalisieren. Politik wird als langweilig und “uncool” dargestellt, die Berichterstattung ist von Skandalisierung geprägt. Dies wiederum führt dazu, dass Entscheidungen im Verborgenen oder unter dem Aspekt der “medialen Erwünschtheit” getroffen werden. Beides führt zu schlechten Entscheidungen und weiterem Politikverdruss, so dass sich die Politik mittlerweile in einer Abwärtsspirale befindet, was ihr Ansehen, die Qualität der Entscheidungen sowie die Bereitschaft zur Beteiligung angeht.
3) Welche Stellung hat die Basisdemokratie innerhalb der Piratenpartei?
Die Piratenpartei ist von sehr flachen Strukturen und einem Misstrauen gegenüber innerparteilicher Machtkonzentration geprägt. Es wird allgemein befürchtet, dass durch das Schaffen von zusätzlichen Ämtern das einzelne Mitglied in seinen Mitwirkungsmöglichkeiten beschnitten wird.
Auf Parteitagen und Landesvorstandssitzungen ist jedes einfache Mitglied antrags- und redeberechtigt. Aufgrund der minimalistischen Strukturen und einer geringen Bereitschaft, starre Strukturen zu errichten, kommt dem Schaffen funktionierender und skalierbarer Meinungbildungsstrukturen eine große Bedeutung zu.
Vorstände nehmen in der Partei derzeit primär eine Vertretungs- und weniger eine Führungsrolle ein. Die Partei wird also gewissermaßen von der Basis geführt, wodurch sie aber insgesamt nur über eine weit unter ihrem Potential liegende Stoßkraft in Richtung des politischen Gegners verfügt.
4) Inwiefern kann das Potenzial des Netzes den fluiden Charakter der Partei verstärken?
Das Netz ist für die Entwicklung der Partei von entscheidender Bedeutung, doch es kann Treffen in der realen Welt nicht vollständig ersetzen. Ohne das Netz aber hätte sich die Partei niemals in so kurzer Zeit entwickeln können. Das Netz wirkt also primär als Beschleunigungsfaktor. Die Partei reift deutlich schneller als die Grünen und kann sich möglicherweise in wesentlich kürzerer Zeit die Kompetenz aneignen, die für eine sinnvolle Parlamentsarbeit und Regierungsbeteiligung notwendig ist.
5) Wie schätzen Sie das demokratische Potenzial des Netzes ein?
Das Netz verspricht grundsätzlich die Beteiligung einer viel größeren Zahl von Menschen an politischen Entscheidungen. Die Entwicklung steht aber noch ganz am Anfang. Hier ist auch zwischen der Rolle des Netzes als Werkzeug und seiner Rolle als Medium zu unterscheiden. Als Werkzeug vereinfacht das Netz die demokratische Kollaboration, als Medium fördert es durch niederschwelligen Sendezugang die Meinungsvielfalt.
Langfristig kann dies auch zu weitgehenden strukturellen Veränderungen in der Parteienlandschaft führen, insbesondere zu einer Zunahme der Vielfalt politischer Parteien.
6) Was hat die Piratenpartei zur Einführung von Liquid Democracy bewegt?
Ein wichtiges Ziel der Piratenpartei war von Anbeginn, die Demokratie an sich zu modernisieren. Liquid Democracy ist hier einer der vielversprechendsten Ansätze, viele Nachteile von repräsentativer Demokratie und Basisdemokratie zu vermeiden und die Vorteile zu kombinieren.
7) Inwiefern beeinflusst die Parteigröße die Kommunikationsstruktur der Piratenpartei?
Mit zunehmender Größe ergeben sich naturgemäß Skalierungsprobleme. Für den Einzelnen wird es immer schwieriger, einen Überblick zu erhalten. Parteitage werden zunehmend langwieriger. Mailinglisten laufen über, und das Piratenwiki wird höflich gesagt unübersichtlich.
8) Was erwartet sich die Piratenpartei von dem neuen Konzept Liquid Democracy im Bezug auf die innerparteiliche Kommunikation?
Gerade in einer neuen Partei wie der Piratenpartei, die sich in vielen politischen Fragen noch positionieren muss, ist Liquid Democracy die einzige Möglichkeit, wie diese Positionierung in kurzer Zeit und mit breiter Beteiligung erfolgen kann. LD könnte auch der Schlüssel sein, ein Delegiertensystem und alle damit verbundenen Probleme zu vermeiden. Des weiteren gibt es die Hoffnung, dass beim Einziehen von Piraten-Fraktionen in die Parlamente die Basis an der parlamentarischen Arbeit besser beteiligt werden kann.
9) Inwiefern bringt die Piratenpartei durch die Anwendung von Liquid Democracy andere Parteien in Zugzwang?
Langfristig könnten andere Parteien ohne Liquid-Democracy-Systeme für Mitglieder vergleichsweise unattraktiv werden, da durch LD jeder so viel Mitbestimmung hat, wie er will und zeitlich verkraften kann.
Des weiteren könnte es sein, dass mittels LD die Piratenpartei ein akzeptableres und attraktiveres politisches Programm entwickelt, als es auf herkömmliche Art möglich ist.
10) Welche gravierenden Probleme sind bisher im Umgang mit dem Konzept Liquid Democracy und der zugehörigen Software Liquid Feedback aufgetreten?
Gravierende Probleme gab es in Berlin erstaunlicherweise nicht. Es hat sich beim Einsatz in anderen Landesverbänden aber gezeigt, dass für eine erfolgreiche Einführung zwei Dinge erforderlich:
a) Die Nutzer müssen im Vorfeld über das System aufgeklärt und darin geschult werden.
b) Aus einem reinen Testbetrieb des Systems lassen sich kaum Erkenntnisse ziehen, denn das System lebt von einer regen Teilnahme, und die lässt sich nur dann erreichen, wenn die im System getroffenen Entscheidung reale Auswirkungen haben - andernfalls ist nur eine kleine Zahl von Leuten bereit, die notwendige Zeit in die Arbeit mit dem System zu investieren, und der Test ist nicht aussagekräftig. Es gibt bei der Einführung quasi ein Henne-Ei Problem, wenn eine Organisation nicht bereit ist, das System von Anbeginn zumindest in einem “begrenzten Wirkbetrieb” einzusetzen. Auch kann ein Vorstand den Erfolg torperdieren, wenn er das System nicht ernst nimmt. Die Erfahrung in Berlin hat aber gezeigt, dass die Basis dazu tendiert, bevorzugt Liquid-Befürworter zu wählen.
11) Wo liegen die zentralen Probleme bei der Einführung von Liquid Democracy als allgemeines Wahlverfahren?
Das zentrale Problem dürfte ein notweniger Bewusstseinswandel sein, der in letzter Konsequenz in der Abschaffung der Geheimheit der Wahl münden müsste. Die Freiheit der Wahl müsste durch andere Mittel gewährleistet werden als die Geheimheit, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Das Dilemma der elektronischen Wahl: Wenn das Ergebnis einer elektronischen Wahl überprüfbar sein soll, und das ist unerlässlich, muss man Kompromisse bei der Geheimheit eingehen, die derzeit als Voraussetzung für eine freie Wahl gilt. Wahlen sind aber auch dann frei, wenn Stimmen nicht gekauft oder erpresst werden können, die Geheimheit ist ein Mittel zum Zweck der Freiheit der Wahl und kein Selbstzweck. Wie eine freie Wahl ohne Geheimheit gewährleistet werden kann oder welcher Grad an “Geheimheit” sinnvoll ist, das sind zwei der zentralen Herausforderungen.
b) Ende der “2-Klassen” Politik: Heute gibt es die “mächtigen” gewählten Amtsträger auf der einen und die “armen” Wähler auf der anderen Seite. In einer Liquid-Democracy ist jeder zugleich Amtsträger, der eine mehr, der andere weniger. Es gibt ein Kontinuum zwischen Wähler und Regierung. Gewählte Amtsträger werden überflüssig oder faktisch Teil der Verwaltung und tragen damit weniger Verantwortung. Diese Verantwortung müssen diejenigen übernehmen, die “von der Basis aus” direkt mitregieren und mitentscheiden wollen, und das geht nicht anonym, sonst "ist es am Ende niemand gewesen". Anonym getroffene Entscheidungen müssen nur vor sich selbst verantwortet werden und nehmen daher tendenziell weniger Rücksicht auf andere.
Eine immer stärker individualisierte und autonomere Gesellschaft könnte daher nicht nur von LD profitieren, sie wäre gewissermassen eine Voraussetzung: Eine Gesellschaft, in der jeder zu dem stehen kann und will, was er politisch entscheidet.
Praktisch gibt es noch eine Vielzahl von Umsetzungsproblemen, die aber vermutlich im Laufe der Zeit gelöst werden können. Hierzu gehören zum einen die “regulativen Rahmenbedingungen” einschliesslich der Verfassung des Bundes und der Länder, aber LD funktioniert auch hinreichend gut mit dem herrschenden parlamentarischen System; die Abgeordneten können sich bei der Abstimmung freiwillig am LD-Votum orientieren, und sie werden es in der Regel gern und aus Überzeugung tun.
Zum anderen bedarf es einer geeigneten technischen Infrastruktur und passender medialer Diskussionskanäle, doch diese Entwicklung wird schneller voranschreiten als die politische und gesellschaftliche Entwicklung, und das Internet bietet bereits jetzt eine Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten für die politischen Diskussion.
Pavel Mayer, 24.5.2010
Anmerkung: "Liquid Democracy" ist ein Demokratiekonzept, und die Software "Liquid Feedback" ein auf Liquid-Democracy-Prinzipien basierendes konkretes System, das für die innerparteiliche Meinungsbildung eingesetzt wird und die letzte Entscheidung den Organen der Partei überlässt. Die Vision einer allgemeinen "Liquid Democracy" liegt in weiter zeitlicher Ferne, und es wird sich auf dem Weg dorthin erst erweisen müssen, ob und in welcher Form die Vision Realität werden kann. Die ersten Schritte in diese Richtung sind aber bislang erfolgversprechend verlaufen, und befürchtete Nebenwirkungen sind bisher ausgeblieben. Es bleibt aber festzuhalten, dass wir uns erst am Anfang eines langen Weges befinden, dessen Ziel eine lebendige Demokratie ist, die in einer einer globalisierten Informationsgesellschaft gedeihen kann.





